Wo bleibt der Winter?

„Die bekannten ‚ältesten Leute‘ erinnern sich nicht, jemals einen so milden Winter, wie in diesem Jahre erlebt zu haben. Auch die Wetterwarten stellen fest, daß das Temperaturminimum (im Durchschnitt) niemals so hoch gelegen hat, wie im Dezember 1918 und in der ersten Hälfte des Monats Januar. Tatsächlich haben nur wenige Gebiete der deutschen Heimat bisher über starken Frost klagen können und auch der Schneefall hielt sich meist in erträglichen Grenzen, wenn er nicht bisher in manchen Gegenden (Mitteldeutschland und in den Tiefebenen) ganz ausblieb. Angesichts unserer Kohlen- und Transportverhältnisse ist dieser Winter nun mit Freuden zu begrüßen. Freilich, die ewigen Zweifler behaupten, daß wir noch einen anständigen Nachwinter bekommen werden. Demgegenüber behaupten Kundige, die mit den Bauernregeln vertraut sind, daß mit einem strengen Winter, abgesehen von einzelnen kalten Tagen nicht mehr gerechnet werden brauche. Als Beweis führen sie die von jedem Naturfreund leicht nachprüfbare Tatsache an, daß der Maulwurf bereits dicht unter der Erdoberfläche seine Gänge gräbt, er, der doch die Kälte ängstlich meidet. Wie dem auch sei, wir haben die tröstliche Gewißheit, daß die Tage bereits wieder merklich länger werden und daß wir uns dem Frühling nähern. Noch wenige Wochen, dann wird niemand mehr fragen: Wo bleibt der Winter?“

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Wahlen zur Nationalversammlung (21./22.1.)

„Die Wahlen zur Nationalversammlung haben […] stattgefunden. Hier in Neustadt war die Beteiligung eine sehr starke, die Wahl verlief aber trotzdem ruhig und alles vollzog sich in schönster Ordnung. Zeitweise herrschte in Böttchers Gasthaus und dem Waldschlößchen großer Andrang, aber man wartete geduldig, bis man an die Reihe kam. Im Waldschlößchen schien es abends noch zu einem ernsten Auftritt kommen zu wollen, da eine Anzahl Soldaten, die nicht wählen durften, weil sie nicht in die Wahlliste eingetragen waren, (es handelt sich um ungefähr 200 Mann) die Wahlurne zu zerschlagen drohten. Es gelang dem Wahlvorstande aber, die Aufgeregten zu beruhigen. […]

Bei einer Vergleichung der heutigen mit den damaligen Wahlen [1912] ist in Rücksicht zu ziehen, daß sich die Zahl der Wahlberechtigten inzwischen mehr als verdoppelt hat, einmal durch Verleihung des Wahlrechts an die Frauen und weiter durch Herabsetzung des Wahlalters von 25 auf 20 Jahre. […]

Von besonderem Interesse ist die Vergleichung mit dem Wahlergebnis von 1912 (Nationalliberale und Fortschrittler, die sich diesmal in der deutschen demokratischen Partei geeinigt hatten, sind für 1912 in eins gerechnet; ebenso sind bei der jetzigen Wahl die Mehrheitssozialdemokraten und die Unabhängigen zusammengezählt:

Deutschnat.: 244 (1912), 367 (1919), Zuwachs 50 %
Deutschdem.: 461 (1912), 1291 (1919), Zuwachs 180 %
Sozialdem.: 774 (1912), 2122 (1919), Zuwachs 174 %

Daraus ergibt sich, daß den stärksten prozentualen Zuwachs an Stimmen die deutsche demokratische Partei erfahren hat; sie hat ihre Stimmenziffer fast verdreifacht. Etwas geringer war das Wachstum der Sozialdemokratie, während die deutschnationale Volkspartei in weitem Abstand folgt.“

Neustädter Theaterdirektor

„Der von früher her bestens bekannte und hier wohnhafte Direktor des Oberbayrischen Volks- und Bauerntheaters, Hr. Bruno Müller, ist jetzt nach erfolgter Demobilisierung des Regiments, bei dem er stand, aus dem Felde zurückgeführt. Er hat bereits neues Personal für seine Truppe gewonnen und will seine Vorstellungen wieder eröffnen. Die erste findet am Sonnabend im „Waldschlößchen“ [Anm.: späteres Turnerheim Germania in der Pößnecker Straße] hier statt. Die Wiedergabe der gemütvollen, urwüchsigen oberbayrischen Stücke war früher stets eine gelungene und wie wir Hrn. Müller kennen, wird er auch jetzt wieder seine volle Kraft einsetzen, um Vollendetes auf dem von ihm vertrauten Gebiete zur Darstellung zu bringen. Auch die hier stets Anklang findenden Schuhplattlertänze werden wieder dargeboten, ebenso in den Zwischenpausen die Harfen-Vorträge, die Hr. Müller als talentvoller Beherrscher dieses Instruments selbst zu Gehör bringt. Wir wünschen dem Unternehmen den gleichen guten Besuch wie früher.“

Bruno Müller wurde 1877 im damals bayerischen Themar (heute Landkreis Hildburghausen) geboren. Schon als Kind war er schauspielerisch tätig. Mit seiner Frau Ida und den beiden Töchtern Marie und Johanna kam er 1914 nach Neustadt. 1920 stellte ihm der Stadtgemeindevorstand die Erlaubnis zum Betrieb eines Schauspielunternehmens aus, die beschränkt war auf Darbietungen von Oberbayerischen Bauern- und Volksstücken. Die Schauspielerfamilie wohnte anfangs im Steinweg, später in der Rodaer Straße 49. Auch wenn die Familie in Neustadt ihren Wohnsitz hatte, war sie wohl meistens auf den Bühnen des Landes unterwegs.

Vaterland in Frauenhand

„Zum ersten Male soll in unsrer Stadt eine Wählerinnenversammlung stattfinden. Das Frauenwahlrecht ist da. Damit ist die Zukunft des Vaterlandes auch in die Hände der Frauen gelegt. Die gewaltige Bedeutung der bevorstehenden Wahlen macht die Beteiligung jedes Stimmberechtigten zur dringenden Pflicht. Etwas völlig Neues tritt an unsere Frauen und Mädchen heran. Aufklärung ist nötig und Beschäftigung mit den politischen Dingen. Die Versammlung, die die hiesige Ortsgruppe der demokratischen Partei am Sonntag nachm. ½ 3 Uhr im Schießhaussaal veranstaltet, möchte dazu mithelfen. Wählerinnen, Frauen und Mädchen aus Stadt und Land, überwindet die Scheu vor politischen Versammlungen und erscheint in Massen!“

Nach dem Feste

„Wieder einmal ist das Weihnachtsfest vorüber, wieder einmal erwachen Millionen und Millionen aus der zauberischen Märchenstimmung dieser Dezembertage, deren tieferem Eindruck sich niemand entziehen kann. Zum ersten Male nach vier langen Jahren begingen wir Weihnachten ohne Waffenlärm, in jenem eigenartigen Zustand zwischen Krieg und Frieden, der unsere Herzen und Seelen bedrückt, der unsere Nerven in beständiger Spannung erhält. Und dennoch in allem Leid dieses Festes, in dem Gedanken an die Toten, die fern in fremder feindlicher Erde ruhen, in der Trauer um das Vaterland, das den tiefsten Fall tat, war doch ein wenig Hoffnung, war die Zuversicht, daß mit dem nahenden Frieden auch der Zeitpunkt kommen wird, wo daheim wieder Ruhe und Ordnung herrschen und sich alle Hände frohgemut regen werden, um mitzuarbeiten an dem Wiederaufbau. Und diese Hoffnung wird besonders stark in der Vorneujahrsstimmung dieser Tage. Von dem neuen Jahre erhoffen wir, daß es die Wünsche erfüllt, auf die zu bescheiden uns das Ende des Krieges gezwungen hat. Von dem neuen Jahre erhoffen wir ein Weihnachtsfest, das sich den Überlieferungen aus der Friedenszeit anschließt, ein Weihnachtsfest, das uns die frohe Märchenstimmung der Jugend noch einmal wiedergibt.“

Herzen und Hände auf!

„Seit zwei Wochen erhalten an jedem Schultage 240 bedürftige Kinder der Bürgerschule je einen Teller warmer Suppe. Die erforderlichen Nährmittel werden durch den hiesigen Kommunalverband besorgt und die Kosten werden durch die dankenswerterweise von der hiesigen Sparkasse und im Vorjahre von Hrn. Tuchfabrikant Richard Fritzsche verwilligten und noch nicht ganz aufgebrauchten Summen bestritten. Für die große Kinderschar werden freilich die zur Verfügung stehenden Gelder (rund 700 Mk.) nur einige Wochen ausreichen. Eine unschätzbare Wohltat würde es deshalb in dieser Zeit des verhängnisvollen Mangels an Nahrungsmitteln für unsere bedürftigen, blaßwangigen Kleinen sein, wenn sich auch noch andere mitleidige Herzen finden lassen wollten, die durch Gewährung von Beihilfen die Schulleitung in die Lage versetzen würden, die Schulspeisung auf mindestens acht Wochen ausdehnen zu können. Drum unsere innige Weihnachtsbitte: Herzen und Hände auf! Es gilt Not zu lindern und die armen Kinder vor den schlimmen Folgen der Unterernährung nach Möglichkeit zu bewahren.“

Promovierter Staatsbeamter seit 50 Jahren

„Gestern beging im benachbarten Schloß Arnshaugk S. Exzellenz Hr. Kammerherr v. Mohl sein 50jähriges Doktor- und Staatsbeamten-Jubiläum. Aus diesem Anlaß gingen dem Jubilar Glückwünsche in großer Zahl zu.“

Anm.: Ottmar von Mohl (1846-1922) studierte in Tübingen Rechtswissenschaften. 1868 wurde er in Heidelberg zum Dr. jur. promoviert. Später war er Kabinettssekretär der Kaiserin Augusta, Konsul in Cincinnati und Sankt Petersburg, Berater des kaiserlich japanischen Haus- und Hofministeriums und deutscher Delegierter zur Ägyptischen Staatsschuldenkommission in Kairo. 1889 erwarb Ottmar von Mohl das Schloss in Arnshaugk.