Wahlmüdigkeit

„Das Interesse an öffentlichen Wahlen ist immer mehr im Schwinden. Den Beweis erbrachte wieder die gestrige Bürgermeisterwahl. Von gegen 3500 Stimmberechtigten übten nur 1244 ihr Wahlrecht aus. Die Wahlmüdigkeit hat es nun mit sich gebracht, daß noch ein zweiter Wahltag angesetzt werden muß, nach dessen Ablauf die Urne geöffnet und die Stimmzettel gezählt werden, ganz gleich, wieviel Wahlberechtigte noch gewählt haben. Für alle die Herren, welche sich bei der Wahlarbeit ehrenamtlich beteiligt haben, ist es natürlich kein Vergnügen, noch einen zweiten Tag zu opfern.“

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Bahnstreiks

„Wie wir erfahren, verkehrten heute auf der Saalbahn keine Züge, weil das Bahnpersonal in einen Ausstand getreten sei. Reisende, die mit der Orlabahn bis Orlamünde kamen, um weiterzufahren, mußten wieder umkehren. Man muß sich fragen, ob denn eigentlich den Streikenden nicht zu Bewußtsein kam, wie schwer unser gesamtes wirtschaftliches Leben durch die Arbeitseinstellung auf einer so verkehrsreichen Strecke wie der Saalbahn geschädigt wird.“

Pfingstmarkt in Neustadt

„Der heutige Pfingstmonat zeigte ein recht belebtes Bild. Trotz des herrlichen Heuerntewetters war der Besuch vom Lande ein sehr guter. Auch viele Verkäufer hatten sich eingefunden und die zahlreichen Verkaufsstände erinnerten beinahe an die Märkte zu Friedenszeiten. Auf dem Viehmarkt waren annähernd 300 Saugschweine zum Verkauf gestellt. Auch diese Zahl ist der in Friedenszeiten ähnlich, nur die Preise sind es nicht, doch weisen sie, wie es in letzter Zeit schon auf den Märkten in anderen Städten in Erscheinung trat, ein Sinken auf. Das Stück kostete je nach Größe etwa 150-200 Mk.“

Generalstreik in Neustadt

„An den Plakatsäulen waren während der Feiertage rote Plakate angeschlagen worden, nach welchen die Arbeiterräte, die Gewerkschaften und die politischen Parteien Großthüringens (gemeint waren wohl unter letzteren nur die sozialdemokratischen) zu einer Kundgebung gegen den ‚Mord Levinés‘ aufgefordert wurden. Eine am 3. Feiertage im ‚Waldschlößchen‘ abgehaltene Versammlung des Arbeiterrats und der Gewerkschaften hier beschloß dann einen Dienstag abend 6 Uhr beginnenden eintägigen Generalstreik. Am Mittwoch morgen von 5 Uhr ab wurden vor den Geschäften und Betrieben Streikposten aufgestellt, die den dort Beschäftigten den Eintritt verwehrten. Auch in die Häuser drangen die Arbeiterräte und Gewerkschafter ein, um die bei kleineren Gewerbetreibenden beschäftigten Leute, sogar bei den Damenschneiderinnnen, aus den Arbeitsräumen zu entfernen, ebenso mußten bei den Behörden die Beamten die Diensträume verlassen. So kam es, daß hier in allen Betrieben, mit Ausnahme der Fleischereien, Bäckereien und Ladengeschäfte, die Arbeit ruhte, während in unsern sämtlichen Nachbarstädten, sogar in größeren, wie in Jena usw., voll gearbeitet wurde. […] Von dem Streik wurde auch unsre Druckerei in Mitleidenschaft gezogen, den Eingang hielten schon von früh 5 Uhr ab die Streikposten besetzt und erzwangen die Nichtaufnahme der Arbeit. So konnte deshalb gestern abend kein ‚Kreisbote‘ erscheinen […].“

Anmerkung: Der KPD-Politiker Eugen Leviné (geb. am 10. Mai 1883 in Sankt Petersburg) wurde nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik verhaftet, wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und am 5. Juni 1919 in München-Stadelheim erschossen.

Unfall mit Pistole

„Gestern machten sich zwei hiesige größere Schuljungen mit einer Pistole zu schaffen, die geladen war. Als der eine versuchte den Hahn der Waffe zurückzuziehen, entglitt ihm dieser und schnellte zurück. Dadurch entlud sich der Schuß. Die Kugel drang dem Spielgefährten in den Rücken. Angeblich soll die Lunge verletzt sein. Der getroffene wurde in das Krankenhaus nach Pößneck überführt.“

Elternabstimmung zum Unterrichtsbeginn

„Die auf Veranlassung des Staatsministeriums vorgenommene Abstimmung der Eltern über den Beginn des Vormittagsunterrichts in der Bürgerschule [Anm: heutiges Orlatal-Gymnasium] ergab 917 Stimmen für 7 und 101 Stimmen für 8 Uhr. Die Schule wird also nach wie vor um 7 beginnen. Der gesunde Sinn der Eltern hat auch hier gesiegt. Die Hauptsache ist jedenfalls, daß die Kinder rechtzeitig zu Bett gebracht werden, dann werden sie morgens auch ausgeschlafen haben. Von einem zu frühen Schulbeginn kann um 7 doch nicht die Rede sein.“