Einwohnerwehr abgelehnt

Öffentliche Gemeinderatssitzung vom 28. Oktober 1919:

„c) […] Auf Anfrage hat das Ministerium mitgeteilt, daß die Einwohnerwehr eine Hilfspolizeitruppe sei, die dem Gemeindevorstand unterstände. Die Waffen müßten unter sichere Verwahrung genommen werden. Da man glaubt, daß der Stadt nur Kosten erwachsen würden und Unruhen und Putsche hier nicht befürchtet werden, wird die Errichtung einer Einwohnerwehr mit 10 gegen 2 Stimmen abgelehnt.“

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Keine Sonntagsausflüge mit der Bahn

„Es ist erreicht, so wird jedes mit ironischer Bitterkeit ausrufen, das die Bekanntmachung der Eisenbahndirektion Erfurt in heutiger Nummer liest, derzufolge schon von nächsten Sonntag an bis auf weiteres der gesamte Personenzugsverkehr von Sonnabends 12 Uhr nachts bis Sonntags 12 Uhr nachts eingestellt wird. Als Grund wird der anhaltende empfindliche Kohlenmangel angegeben. Dabei wird von verschiedenen Zechen berichtet, daß die Kohlenvorräte so groß sind, daß die Einschränkung der Förderung zu befürchten steht, weil alle Vorratsräume und Halden der Gruben überfüllt sind. Oft genug wird dagegen in den Zeitungen darüber geklagt, daß mehr Lokomotiven zur Reparatur in die Betriebswerkstätten eingeliefert werden, als ausgebessert hinausgehen. Wo liegt nun eigentlich die Schuld an den unhaltbaren Zuständen, in die wir immer tiefer hineingeraten? Wenn es in der Bekanntmachung heißt, daß unbedingt nötige Betriebszüge auch für den Personenverkehr freigegeben werden sollen, so ist das nur ein schwacher Trost. Abhilfe kann unserm armen Vaterlande nur angespannteste Tätigkeit und nicht ‚passive Resistenz‘ bringen.“

Hafer für menschliche Ernährung

„Es ist noch viel zu wenig bekannt, daß die Hafernährmittel überaus reich an wertvollen, leicht verdaulichem Eiweiß und Nährsalzen sind und gegenüber den Getreidemehlen das Mehrfache an Fett enthalten. In den nordischen Ländern, vor allem aber in Schottland und in Nordamerika, erscheinen Haferspeisen täglich auf dem Tische und gleichen manche schwere, namentlich in Nordamerika übliche Ernährungsfehler aus. Die Zähigkeit und Leistungsfähigkeit der Schotten ist nach Ansicht vieler Ernährungsphysiologen auf den ständigen Genuß von Haferflocken zurückzuführen. Auffällig ist auch, daß Zuckerkranke, die nur ganz beschränkte Mengen von stärkehaltigen Nahrungsmitteln genießen dürfen, große Mengen von Hafernährmitteln zu sich nehmen können, ohne daß sich unverbrannter Zucker im Blute vorfindet. Der Hafer enthält für den Stoffwechsel außerordentlich wichtige Fermente, die in keiner anderen Getreideart vorkommen. Die deutsche Hausfrau ist noch zu wenig über die vielfache Verwendungsmöglichkeit von Hafernährmitteln unterrichtet. Wer kennt z.B. Haferflocken-Käulchen, Koteletts als Beilage zu Gemüsen, die richtig zubereitet ähnlich schmecken wie gebratenes Kalbshirn und sich als Beilage zu Gemüsen eignen? Ganz unbekannt ist es auch, daß sich Haferflocken ohne Fett oder Butter und nur mit ganz geringen Mengen von Zucker zu ausgezeichnet schmeckenden, überaus nahrhaften Haferflocken-Kuchen verbacken lassen, ebenso zu Haferflocken-Makronen und sonstigen kleinen Gebäcken, die ähnlich wie Nuß-Törtchen schmecken und in jedem, auch dem kleinsten Haushalte, bereitet werden können. Der hohe Fettgehalt der Haferflocken gestattet es, mit geringen Fettmengen auszukommen. Wer sich näher unterrichten will, lasse sich von dem bekannten Nahrungsmittel-Chemiker Dr. Volkmar Klopfer in Leubnitz-Neuostra bei Dresden das Kochbuch für 39 Haferspeisen senden, das dieser im Interesse der guten Sache kostenlos und postfrei zusendet.“

Volkszählung

„Bei der am 8. Oktbr. stattgefundenen Volkszählung war das Ergebnis für unsre Stadt folgendes: Die Zahl der Haushaltungen betrug 1929, die der ortsanwesenden Personen 3114 männliche, 3534 weibliche zusammen also 6648, vorübergehend waren abwesend 102 männliche und 102 weibliche, zusammen 204, aus der Zählergemeinde wurden versorgt 6607 ortsanwesende und vorübergehend abwesende Zivilpersonen. Militärpersonen waren 9 anwesend.“

Tödlicher Unfall in der Lederfabrik

„Gestern ereignete sich in der Lederfabrik Gebrüder Ehrhardt ein tödlicher Unglücksfall. Der Klempnermeister Emil Berthold war mit seinen Söhnen auf dem Dach der Fabrik mit Klempnerarbeiten beschäftigt. Dabei kam der im 18. Lebensjahr stehende Sohn Fritz des Herrn Berthold auf unerklärliche Weise – kurze Zeit vor dem Unglücksfall hatte er seinem Vater noch zugerufen, er solle sich vorsehen, daß er nicht die Drähte berühre – vermutlich durch Ausgleiten, mit der in ungefähr Manneshöhe über das Dach führenden Hochspannungsleitung der Ueberlandszentrale in Berührung. Er brach zusammen und fiel mit dem Oberkörper in den Lichtschacht, an dem er arbeitete. Nach kurzer Zeit gab er seinen Geist auf. – Wie uns weiter gemeldet wird, ist niemand bei dem Tode des jungen Berthold zugegen gewesen. Auch seien Brandspuren, die auf eine Berührung mit der elektrischen Leitung schließen ließen, an seinen Händen nicht vorhanden, sodaß man nicht mit Bestimmtheit auf einen Unglücksfall schließen kann.“

 

Nachtrag am 14.10.: „Wie uns mitgeteilt wird, ist der Unfall, dem der 18jährige Klempnergeselle Fritz Berthold hier am Freitag zum Opfer fiel, doch durch Elektrizität verursacht worden. Durch unglückliche Verkettung mehrerer zufällig eingetretener Umstände, bekanntlich gingen an dem Tage auch öfter heftige Regen- und Graupelschauer nieder, ist der Unglücksfall herbeigeführt worden.“

Kostenerstattung für stehende Bahnreisende

„Wer in Eisenbahnwagen stehen muß, soll sich einen Teil seines Geldes zurückzahlen lassen. Passagiere 2. Klasse, die im Schnellzuge keinen Platz haben finden können und während der ganzen Fahrt haben stehen müssen, sollten sich bei Schluß dieser Reise die Tatsache bescheinigen lassen und dann von der zuständigen Eisenbahndirektion auf Grund des §20 der Eisenbahnverkehrsordnung wegen Nichterlangung des bezahlten Platzes sich einen angemessenen Teil des Betrags zurückzahlen lassen. Bei den hohen Fahrkartenpreisen ist das nicht zuviel verlangt.“

Erziehungsunterricht

„Die Regierung von Sachsen-Weimar beabsichtigt, in den Schulen ganz allgemein einen neuen Gegenstand einzuführen: die Anleitung größerer Kinder zur Erziehung nach den Erfahrungen und Leitsätzen des Dr. Geißler Eisenach. An den Schulen soll eine besondere Stunde eingerichtet werden, in den die Kinder in einer praktischen Art Anregung und Belehrung erfahren darüber, wie sie die jüngeren Geschwister und Kameraden erziehlich behandeln können. Zur Einführung in die Unterrichtsmethode wird in Eisenach ein Kursus während der Herbstferien für Lehrer und Lehrerinnen stattfinden.“